Samstagnacht, 4.00 Uhr, S+U Neukölln

Samstagnacht, 4.00 Uhr, S+U Neukölln. Ich bin auf dem Rückweg von einer Geburtstagsfeier und komme gerade aus der U-Bahn. Von rechts höre und sehe ich aus den Augenwinkel eine herannahende, plappernde Gruppe von vielleicht 18-19 jährigen Jungen. Ich schaue nicht hin und spule mein altbekanntes Programm ab: Ignorieren, Blick meiden, weitergehen, hoffen. Diesmal habe ich Pech, jemand aus der Gruppe ruft: „He, schaut mal, ‘ne Pussy! Hey Pussy, hey! (pfeift) Komm zu uns, Pussy!“ Ich drehe nicht einmal den Kopf, werfe nur einen kurzen Blick in meine Umgebung. Keine Menschenseele unterwegs. Mist. Ich gehe weiter. Es wird weiter gepfiffen, jemand ruft etwas Unverständliches. Ich gehe weiter. Auf einmal meine ich herannahende Schritte zu hören, doch bevor ich die Situation richtig erfassen kann, greift mir jemand an den Hintern. Ich höre Gelächter aus der Gruppe. Mein Herz bleibt stehen. Ich fahre herum, schreie „Alter, fick dich!“ und sehe dabei noch einen schnell weglaufenden, lachenden Jugendlichen, der sich unter Lachen und Gejohle wieder seiner Gruppe anschließt. Neben der Wut und Angst mischt sich zugleich Erleichterung in meine Gefühlswelt, denn ich merke, dass die Gruppe bereits weiterzieht. Heute Abend werde ich also nicht zum Spielball einer Männergruppe, werde über mehrere Straßen verfolgt und muss Schlimmeres fürchten. Nein. Ich bin „nur Teil eines kleinen Scherzes“, gut für „einen Witz“, der die Samstagnacht aufheitert und das Ansehen eines Jugendlichen in der Gruppe steigern wird. Als ich mich umdrehe zum Weitergehen, bekomme ich noch ein „Fotze!“ und „Was für eine Schlampe!“ nachgeknallt. Egal. Ich spiele jetzt, so schutzlos und ohne Zeug_innen, lieber nicht mit meinem Glück. Es heißt es wieder: Ignorieren, Blick meiden, weitergehen, hoffen.

Erst als die Haustür hinter mir schließt, begreife ich richtig, was gerade passiert ist. Und erst am nächsten Tag, als ich wieder das Haus verlasse, verstehe ich, was dieser Übergriff mit mir gemacht hat. Ich fühle mich unsicher, jeder starrende Blick eines Mannes durchbohrt und schmerzt mich. Ich fühle mich klein, entwürdigt, verdammt wütend, angeekelt und hilflos – und hasse es, dass dieses Ereignis all dies in mir auslösen konnten, während die Täter mich längst vergessen haben werden. Zwar werden diese Gefühle in ein paar Tagen, vielleicht Wochen wieder vorbei sein, ich werde „vergessen“ – aber nur bis zum nächsten Übergriff, der mir nur allzu deutlich vor Augen halten wird, was es bedeutet, als Frau* in einer patriarchalen Gesellschaft zu leben.
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