#OurStreets: Hollaback!’s offener Brief als Reaktion auf die Übergriffe an Silvester in Köln

The original version was published in English on ihollaback.org

Hollaback! (engl.: “Brüll zurück”) ist eine internationale Bewegung von lokalen Aktivist*innen, die Belästigungen im öffentlichen Raum beenden will. Wir arbeiten zusammen, um die Hintergründe von Belästigungen besser zu verstehen, Bewusstsein zu schaffen und gemeinschaftlich Lösungen zu bieten. Wir stehen gemeinsam als eine globale Gemeinschaft, um öffentlich die diskriminierende und beleidigende mediale Berichterstattung um die Angriffe in Köln zu kritisieren.

 

Im Angesicht von gesteigertem, öffentlichem Bewusstsein und medialer Aufmerksamkeit in Europa als Folge der Angriffe in hauptsächlich Köln, aber auch anderen deutschen Städten, ist es wichtig diesen Moment zu nutzen und die schädigenden Mythen um Belästigungen im öffentlichen Raum aufzulösen und für das Recht auf sichere und gleichberechtigte öffentliche Räume für alle einzustehen.

 

Belästigungen im öffentlichen Raum – cat calling (engl.: Pfeifen, Schmährufe), diskriminierende Sprache / Hassrede, Grapschen, öffentliches Masturbieren und Stalking – sind eine alltägliche Tatsache für viele Frauen, LSBTTIQ Menschen und people of colour. Nach einer Studie der Cornell University können sie Depressionen, Wut und Angst auslösen. Belästigungen im öffentlichen Raum beschränken unseren Zugang zu freien und gleichberechtigten öffentlichen Räumen und stärken bestehende Machtungleichgewichte.

 

Wir unterstützen die Menschen, die Ziel dieser Gewalt und Belästigungen geworden sind, sowohl in den jüngsten Angriffen als auch zuvor. Wir hören euch und wir glauben euch.

 

Wir sind dagegen enttäuscht und befremdet davon, wie viele Medien die sexualisierte Gewalt zu Silvester in Köln als neues Phänomen, importiert durch „Ausländer und Migranten“, darstellen. Dabei ist es Realität, dass Belästigungen im öffentlichen Raum ein andauerndes und tiefgreifendes Problem sind. Ein Problem, das Frauen, LSBTTIQ Menschen und people of colour, in der ganzen Welt betrifft. Belästigungen im öffentlichen Raum sind kein neues Problem. Darüber zu berichten, als hätte es vor diesen viel berichteten Vorfällen nicht existiert oder als wäre es nur etwas, was Migranten tun, ist äußerst problematisch. Es ist falsch. Hollaback! hat Daten zu Belästigungen weltweit seit über 10 Jahren gesammelt.

 

Bisher haben uns über 9000 Geschichten aus der ganzen Welt über Belästigungen im öffentlichen Raum erreicht. Diese werden der Öffentlichkeit über unsere Website und App zugänglich gemacht, sowie durch Publikationen wie Harassment Is: An exploration of identity and street harassment. Die Zahlen zeigen, dass Belästigungen am häufigsten in stark frequentierten Räumen stattfinden, darunter die U-Bahn und öffentliche Verkehrsmittel allgemein.
Belästigung ist nicht auf eine soziale Gruppe beschränkt. Aus den Erzählungen von Belästigungen, die uns täglich erreichen, und aus aktueller Forschung wird deutlich: Menschen, die andere belästigen, haben alle möglichen ethnischen und sozioökonomischen Hintergründe. Vielmehr wird Belästigung durch eine ungleiche Gesellschaft möglich gemacht, die die Freiheit einiger Personen zu Mobilität und Sicherheit beschränkt und damit zu ungleichem Zugang zu öffentlichen Räumen führt.

 

Wir weigern uns, es zuzulassen, dass vermehrtes Bewusstsein für Belästigung im öffentlichen Raum für rassistische und xenophobe Politik instrumentalisiert wird. Was bei der Auseinandersetzung mit dem Thema immer wieder betont werden muss, ist der Mangel an Freiheit für Frauen, LSBTTIQ Personen und people of colour im öffentlichen Raum.

 

Erst letztes Jahr hat Hollaback! zusammen mit der Cornell Universität die bisher größte weltweite Umfrage zu Belästigungen im öffentlichen Raum durchgeführt. Wir stellten fest, dass über 84 % der teilnehmenden Frauen weltweit vor ihrem 18. Lebensjahr in der Öffentlichkeit belästigt wurden und dass über die Hälfte der Teilnehmenden berichtete, im letzten Jahr gegen ihren Willen begrabscht worden zu sein.
Laut einer Umfrage Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, an der 42.000 Frauen in der EU teilnahmen, haben über 55 % von ihnen sexuelle Belästigung erfahren, bevor sie 15 waren. In Deutschland, wo der Vorfall stattfand:

  • berichten 85 % der Frauen, Belästigung im öffentlichen Raum erfahren zu haben, bevor sie 17 waren;
  • wurden 66 % der Frauen im letzten Jahr unangemessen und gegen ihren Willen berührt;
  • fanden sich 70 % der Frauen im letzten Jahr in einer Situation, in der ihnen ein Mann oder eine Gruppe von Männern auf eine Art und Weise folgte, die sie sich unsicher fühlen ließ;
  • haben 14 % der Frauen dieses beängstigende Verhalten mehr als 5 mal erlebt;
  • berichteten über die Hälfte der Teilnehmenden, dass Belästigungen im öffentlichen Raum (oder die Angst davor) dazu geführt haben, dass sie eine andere Route nahmen oder ein anderes Transportmittel benutzten, eine Veranstaltung zu einer anderen Zeit verließen, oder weniger unter Leute gingen und
  • einige Teilnehmende berichteten, dass sie wegen Belästigung ihren Job kündigten, nicht zur Arbeit gingen, oder sogar in eine andere Stadt gezogen sind.

 

Was wir insgesamt aus der bisherigen qualitativen und quantitativen Forschung erkennen können, ist, dass Belästigungen im öffentlichen Raum überproportional junge Frauen und Mädchen, people of colour, und die LSBTTIQ Gemeinschaft treffen. Belästigungen sind ein Ausdruck ineinandergreifender und sich überschneidender Unterdrückungsmechanismen. Sie können sexistisch, rassistisch, transphobisch, ableistisch, klassistisch, oder “sizeist” (aufgrund von Körperformen) sein.
Die Erfahrungen einzelner Personen mit Belästigungen im öffentlichen Raum müssen eingebettet verstanden werden: in den historischen Kontext, die gesellschaftlichen Vorurteile und das Klima der Ungleichheit, die sie beeinflussen.

 

Hollaback! Berlin schreibt dazu:

 

Seit dem Neujahrsabend und der zu weiten Teilen undifferenzierten Medienberichterstattung dazu scheint es ein neues Interesse am Thema sexualisierte Gewalt zu geben. Bisher waren uns nicht viele Berichte und Diskussionen über sexualisierte Gewalt bekannt, das Problem selbst oder dessen Wurzeln werden jedoch weiterhin nicht diskutiert. Vielmehr werden rassistische und kulturalistische Mythen über die vermeintlichen Täter reproduziert. Die Übergriffe in Köln und anderen deutschen Städten werfen viele Fragen auf. Bis dato ist es immer noch mehr oder weniger unklar, was genau passiert ist, von wem dies ausging und wie solche Übergriffe in einem öffentlichen Raum überhaupt möglich waren. Wie kann in einer Situation mit, laut Berichten, mehr als 1000 anwesenden Menschen und offenbar mit ebenfalls großer Polizeipräsenz eine so große Anzahl von sexualisierten Übergriffen stattfinden ohne dass interveniert wird?

 

Eine Antwort darauf ist, dass die deutsche Gesellschaft keinerlei Strategien bereit hält, um gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen. Die Geschehnisse und die folgende Debatte haben offenbart, dass die deutsche Gesellschaft und das schließt alle Bürger*innen und Institutionen gleichermaßen ein, nicht weiß was sie gegen sexualisierte Gewalt tun kann oder will. Die Gesetze sind unzureichend und schützen Frauen* nicht vor Übergriffen, wie von mehreren Frauenrechtsorganisationen, wie dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, oftmals dargelegt wurde.

 

Die gleichen Politiker*innen, die jetzt Frauenrechte vorschieben um eine rassistische Agenda voran zu treiben, instrumentalisieren die Übergriffe um gezielt Stimmung gegen Geflüchtete zu machen.

 

Wir von Hollaback! arbeiten seit langer Zeit zum Thema sexualisierte Gewalt und jede einzelne Geschichte auf unseren Blogs belegt, dass Belästigungen im öffentlichen Raum eine alltägliche Angelegenheit sind – nicht nur in Deutschland. Deutschland hat ein offenkundiges Sexismusproblem und mit dem immer weiter wachsenden offen rassistischen Bewegungen in Deutschland, müssen Medien, Gesetzesgeber und die Politik nicht nur lernen sexualisierte Gewalt zu bekämpfen, sie müssen die Verbindungslinien (Intersections) von Sexismus und Rassismus verstehen lernen.

 

Vollkommen aus dem Fokus geraten in den offenkundig rassistischen und weiß-männlich dominierten Diskursen „nach“ Köln sind die Betroffenen sexualisierter Gewalt.

Nur wenige Dokumentationen und Stimmen von Betroffenen der Übergriffe in Köln und anderswo wurden veröffentlicht. Keinerlei Aufmerksamkeit wird gleichzeitig auch der Situation von geflüchteten Frauen gegeben. Der öffentliche Diskurs in Deutschland ist nicht daran interessiert sich mit sexualisierter Gewalt zu beschäftigen. Als Ort des Empowerments und Gemeinschaft lädt Hollaback! alle Menschen, die sexualisierte Gewalt erleben oder erlebt haben ein, ihre Kraft zu nutzen und ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

 

Was wir brauchen sind nicht neue Asylgesetze, wir brauchen sichere Orte für ALLE Frauen*. Wir brauchen einen offenen Diskurs, um Gewalt gegen Frauen* zu beenden, angemessene Gesetze und Unterstützung für Betroffene und Überlebende sexualisierter Gewalt.

 

Wenn wir beides besprechen, die Realität von Street Harassment und Community-basierte Lösungen des Problems, müssen wir feststellen, dass Street Harassment ein anhaltendes Problem ist und direkt auf persönliche Merkmale von Betroffenen abzielt und meist (aber nicht ausschließlich) in viel besuchten Orten stattfindet. Street Harassment wird von Menschen aller Hintergründe und „Kulturen“ ausgeübt. Es ist keineswegs ein „Stadt“ Problem oder ein „Köln“ Problem – es ist ein globales Problem und betrifft uns alle.

 

Wir rufen die Öffentlichkeit und die Medien dazu auf, ihre Narrative darüber, was Belästigungen im öffentlichen Raum sind, zu überdenken und die Mythen, die weitere Diskriminierungen und Ungleichheiten zur Folge haben, in Frage zu stellen. Wir rufen dazu auf bei unserem Aktionstag gegen Street Harassment am 4. Februar 2016 mit uns zu demonstrieren, Geschichten zu erzählen und Erfahrungen mit Belästigung zu teilen mit #ourstreets. Gemeinsam können wir die Narrative verändern und sicheren und gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Räumen für alle erreichen.

 

 

Unterschrieben von:

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