Hollaback im Zug!

25. Dezember 2015, ich fahre mit meiner Mutter zusammen von Frankfurt am Main zurück nach Berlin. Der Zug ist überfüllt, mehrere Waggons fehlen aus irgendwelchen technischen Gründen, Reservierungen haben keine Gültigkeit mehr, wir setzen uns einfach irgendwo hin, froh überhaupt einen Platz zu bekommen. Meine Mutter sitzt schräg hinter mir in einem Vierer, ich sitze neben einem jungen Typen, Ende 20, Anfang 30, nervös. Er ist mir erstmal sympathisch; volltätowiert, rotzige Klamotten, laute Musik- okay die nächsten fünf Stunden neben ihm sitzen zu müssen. Ich fange an zu lesen. Er rutscht die ganze Zeit wahnsinnig unruhig auf seinem Sitz herum, ich muss ihn immer wieder rauslassen- ich hab Mitleid; Magen-Darm-Geschichte im Zug? Armer Kerl. Irgendwann nimmt er Kontakt auf; „Wie kann man nur fünf Stunden ruhig sitzen?“, ich zucke mit den Schultern. Er fängt an, sich Bilder auf seinem Handy anzuschauen. Er hält den Bildschirm irgendwie seltsam, genau so dass ich draufschauen muss. Ich erkenne nicht viel und bekomme schon ein schlechtes Gewissen- man schaut ja nicht einfach auf fremde Handys..er steht noch zig-mal auf und kommt wieder, fragt ob er mir die Zeitschrift halten soll- langsam wird er mir schräg. Weiterlesen, egal. Irgendwann tippt er mich an und zeigt mir seinen Bildschirm, diesmal eindeutig mit Absicht- sein erigierter Penis in Volltotale. Ich schaue ihn schockiert an und weiß nicht was ich tun soll. Er zuckt nur mit den Schultern und zeigt ein Gesicht, das er vermutlich süß findet. Ich bleibe sitzen und bin verwirrt- jetzt bin ich die Unruhige. Ich fange an Freunden per Nachricht zu schildern was gerade passiert ist. Alle bestätigen mir, sexuelle Belästigung! Tu was! Sie wissen, dass ich solche Vorfälle zur Zeit wie magisch anziehe. Ich stehe auf, nervös, gehe auf Toilette, komme wieder, hänge die ganze Zeit am Handy und bemerke wie wütend mich das macht. Was denkt der, wer er ist? Ich bekomme Gewaltfantasien. Ich will seinen blöden Iro packen und seinen Kopf gegens Fenster knallen. Mir wird heiß, ich muss irgendwie reagieren. Ich stehe auf, gehe zur Schaffnerin und erzähle ihr, was gerade passiert ist. Sie schickt mich zum Zugchef. In Hildesheim fliegt der Typ aus dem Zug. „Boah, wegen ‘nem Foto?!“ fragt er mich noch, als sei ich einfach nur zu zugeknöpft. Nachdem er draußen ist und sich meine Mutter neben mich gesetzt hat, ganz entsetzt über den Vorfall, spricht mich eine junge Frau an und bedankt sich bei mir. Ihr ist mit ihm das Gleiche passiert- sie hat sich weggesetzt, sich nicht getraut und die ganze Fahrt über Angst gehabt, er würde mit ihr aussteigen.
Ich bin sicher, er wollte auch nach Berlin. Ich habe Angst, ihn irgendwann wiederzusehen. Er macht mich so sauer!

[got_back]