“Es ist jedes Mal beschissen und erniedrigend”

Es war kein guter Morgen. Kurz nach 11 Uhr stand ich in dem kleinen Supermarkt, in den ich immer gehe, nur ein paar Meter von meiner Wohnung entfernt. Ich hatte mich eigentlich nur aufraffen können kurz etwas zu frühstücken zu kaufen, ich fühlte mich irgendwie nicht gut. Jeans, alter Pulli, ungeschminkt – da stand ich nun gedankenverloren zwischen den Regalen und erschrak fast, als mich jemand von der Seite ansprach. Ob ich ihm bei etwas helfen könnte, dabei legte er die Hand auf meinen Oberarm. Ich drehte mich zu ihm und wich zurück, so dass er mich losließ. Ich schaue ihn an und sage, ja, helfen kann ich. Er würde nicht so gut deutsch sprechen. Ich runzle die Stirn, denn er spricht perfekt deutsch. Dann ging alles ziemlich schnell. Er ist mir wieder viel zu nah, hat erst eine Hand wieder auf meinem Oberarm, dann auch die andere auf der anderen Seite. Ich umklammere gerade meinen Einkaufskorb, der noch zwischen uns ist, laufe rückwärts und sage laut, er solle mich nicht anfassen. Er lacht, nimmt die Hände in die Luft und grinst mich an. Er braucht doch nur Hilfe. Ich frage genervt was er denn will. „Dich“, sagt er und fasst mich schon wieder an der Schulter an. Ich drehe mich hektisch weg, will an ihm vorbei, doch er stellt sich mir immer wieder in den Weg. Er lacht. Ich sage er soll mich vorbei lassen und er äfft mich jetzt nach, streckt immer wieder die Hände nach mir aus. Wir stehen in dem Hauptgang, durch den quasi jeder Kunde und jede Kundin durch muss, um zur Kasse zu kommen. Während das passiert gehen mindestens zwei Frauen an uns vorbei und eine Verkäuferin, die dem Typ sogar auch noch ausweichen muss, weil er sich immer wieder in meinen Weg stellt. Ich suche ihre Blicke, doch sie scheinen mich nicht wahrzunehmen. Ich drehe mich nach einer gefühlten Ewigkeit um, laufe durch ein paar Regale und verstecke mich tatsächlich hinter einem Obststand. Ich war nicht sicher, ob ich meinen Einkauf jetzt beenden oder einfach wieder gehen sollte. Keine Ahnung wie lange ich da stand, ich kam mir unglaublich dämlich vor, der Supermarkt war gut besucht, es war Vormittag. Also gut. Milch holen, dann zur Kasse. Ich laufe langsam los, sehe ihn etwas weiter hinten und führe meinen Einkauf fort. Als ich mich wieder aufrichte nachdem ich mich nach der Milch gebückt habe, steht er direkt neben mir, seine Hand liegt viel zu tief auf meinem Rücken. Er wollte sich noch kurz entschuldigen, ich würde so aufgebracht wirken. Mir ist speiübel, und ich habe das Gefühl nichts sagen zu können, ich laufe weg, in die falsche Richtung, als ich wieder Richtung Kasse gehe, muss ich noch einmal an ihm vorbei, mein Herz schlägt und ich fühl mich so schlecht, so dumm und so klein. Ich starre geradeaus, merke wie er mich anschaut. Als ich endlich bezahlt habe, drehe ich mich um. Er ist nicht mehr da. Kurz bin ich erleichtert, dann bleibe ich wieder stehen. Was wenn er draußen wartet? Durch die automatische Schiebetür schaue ich nach draußen, ob er vielleicht irgendwo steht. Ich kann nichts sehen, dann geh ich, renne fast. Bis zu meiner Haustür ist es nicht weit. Panisch schließe ich auf, gehe rein, drücke die Tür fest von innen zu und fange an zu heulen. Der Tag war gelaufen, die nächsten Tage waren ätzend. Hätte ich lauter sein müssen? Hätte ich einer Verkäuferin oder einem Verkäufer danach Bescheid sagen sollen? Aber ich hab doch was gesagt, ich hab nicht gelacht, das war kein Scherz, ich wollte das nicht. Und jedes Mal, wenn ich in den nächsten Wochen in den Supermarkt ging und mich nach der Milch bücke wird mir schlecht. Geschockt bin ich auch vor allem, weil niemand etwas gesagt hat, niemand nach mir geschaut hat, meinen Blick gesucht hat, gefragt hat, ob alles okay ist oder sich einfach in die Nähe gestellt hat. Einfach kurz stehen geblieben ist, um die Situation abzuchecken. Es ist nicht das erste Mal passiert, dass mich ein Typ nicht hört, wenn ich sage er soll mich loslassen, vorbei lassen, nicht anfassen – im Club, abends auf dem Nachhauseweg oder an Haltestellen. Es ist jedes Mal beschissen und erniedrigend. Und es passiert eben auch an diesen anderen Orten und nicht nur nach dem Feiern. Das war mein Supermarkt, Arschloch.
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