Biel, Schweiz

Ich bin mir meiner Identität als Frau meistens nicht bewusst, weil ich mich sowieso dem ganzen Zirkus in Discos und Bars zu entziehen versuche und mich nicht primär über mein Geschlecht identifiziere. Aber heute habe ich, wieder einmal, gemerkt, wie es ist eine Frau zu sein und damit von Männern zu einem Objekt degradiert zu werden. Ich war auf dem Nachhauseweg, nachdem ich eine Freundin, die bei mir war, noch ein Stück begleitet hatte. Dann, in der Seitenstrasse, die zum Mehrfamilienhaus indem ich wohne, führt, fuhr plötzlich ein Auto neben mir und wurde immer langsamer. Ich hatte gleich ein mulmiges Gefühl, dass aber eher in die Richtung “nein, irgendein Idiot, der dich blöd anmachen will” ging. Er liess die Fensterscheibe runter und ich schüttelte gleich den Kopf und sagte NEIN. Dann rief er, er wolle mich nur etwas fragen und ich sagte “ja was denn?!” darauf fragte er nach dem Weg zum Bahnhof der nächsten Stadt (ich wohne in einem Vorort) und ich beschrieb ihn ihm. Ich denke ich dachte mir nichts dabei, denn zu dieser Zeit waren nicht viele Leute unterwegs und es war ein Montagabend, also erschien mir die Tatsache, dass er mir folgte, um mich nach dem Weg zu fragen, nicht so absurd. Dann fuhr er weg, nach vorne, kehrte um und rief mich noch einmal und fragte dieses Mal nach der nächstgelegenen Tankstelle. Ich beschrieb erneut und sah erst, dass er keine Hose anhatte, als ich merkte, dass seine Hand an seinem Penis war. Ich bin nicht erschreckt, es war eher ein Moment des Seufzens und ich dachte “oh man, das ist ein Exhibitionist, warum muss der gerade mich verarschen?”. Dann hatte ich das Bedürfnis, ihn zu beleidigen, dachte irgendwie das sei das, was man eben in solchen Situationen tut also raunte ich etwas von “du Arsch” aber er fuhr schon mit voller Geschwindigkeit davon, wohl beflügelt vom Adrenalin, das eine naive Frau seine Geschlechtsteile gesehen hat. Lustigerweise war er selbst Schweizer, keine Spur von Migrationshintergrund, den man in der Presse ja so oft bei Gewaltdelikten und Belästigungen erwähnt, vielleicht höchstens 2-3 Jahre älter als ich und durchaus durchschnittlich. Er hatte keinen Mantel an, war nicht alt und ungepflegt und auch nicht dick und pickelig. Er hatte dunkelblonde Haare und ein Max-Mustermann-Gesicht, schmale Statur und sass wohl entweder im grauen PKW seiner Eltern, denen er gesagt hatte, er ginge nur kurz zu einem Kumpel, oder in einem Occasion-wagen, den er sich von seinem ersten richtigen Lohn gekauft hatte. Es erstaunte mich einfach, wie durchschnittlich er war, bestimmt hätte er ein paar betrunkene Teenies an einem Samstagabend abschleppen können, doch nein, offenbar konnte auch so ein durchschnittlicher Mensch, den ich auch gut als Bankangestellten hätte einschätzen können, eine sexuelle Störung mit zwanghaftem Entblössen haben. Jemand, der dann am nächsten Tag zur Arbeit geht, seine Arbeitskollegin um Hilfe bittet um irgendein Formular auszufüllen, seiner Mutter zum Geburtstag Blumen schenkt und mit anderen Menschen Small Talk mit Kunden führt. Oder weiss jemand von seinen Fahrten? Hat er im Freundeskreis, so unter Männern, nach ein zwei Bier, davon erzählt und wurde durch das Gelächter und vielleicht ein paar ermutigende Kommentare weiter angespornt? Oder wäre es ihm peinlich, wenn dem so wäre?
Wenn man im Internet nach Infos über Opfer von Exhibitionismus sucht, werden nur Schlagzeilen der BILD-Zeitung (Exhibierten-Schwein von X gefasst) oder Pornoseiten angezeigt. Eine Anlaufstelle gibt es nicht. Ich muss sagen, ich weiss auch nicht, ob ich wirklich Anzeige erstatten werde, schliesslich kann das sehr aufwändig und nervtötend sein und ich bin mitten in Uniprüfungen und Arbeitsstress, aber ich habe dann einen Artikel einer jungen Journalistin gelesen, die über die hohe Dunkelziffer sprach und dass es für junge Täter gute Therapiemöglichkeiten ihrer krankhaften Veranlagung gäbe. Deshalb habe ich mich entschlossen, doch zur Polizei zu gehen. Damit ich den Vorfall nicht akzeptiere und nicht darüber schweige, wie so viele offenbar und schliesslich wäre eine Verhaftung auch zum Wohl des hosenlosen Jungen im Auto, der vielleicht besseres mit seinem Leben anfangen möchte, als Frauen zu zeigen, wie er sich einen runterholt.
Klar, ich werde, wenn ich wieder einmal nach Einbruch der Dunkelheit alleine unterwegs bin daran denken und wohl wieder ein komisches Gefühl dabei haben, besonders weil sich alles quasi “vor meiner Haustür” in einem ruhigen Vorort einer Schweizer Kleinstadt, dazu noch an einem Montagabend, abgespielt hat. Sonst glaube ich nicht, dass ich deswegen grössere Angstattacken haben werde, obwohl ich jedes Opfer, welches solche Reaktionen erlebt, bestens verstehen kann. Für mich schlimm ist das Gefühl, als Frau, beliebige Frau, gegen meinen Willen als Objekt einer sexuellen Perversion verwendet worden zu sein, alles nur aufgrund dessen, das ich mit zwei Brüsten und den nötigen Organen zur Fortpflanzung geboren bin und dem Zufall, dass ich zu dieser Zeit am selben Ort wie dieser 23-jähriger, dunkelblonder, schlanker potentieller Bankangestellter. Ich wurde nicht als Mensch, sonder “nur” als Frau gesehen und als Objekt im Ausleben einer lächerlichen Fantasie benutzt. Dabei bin ich weder reduzierbar auf mein Geschlecht noch möchte ich ein Objekt sein. Wissen diese Männer denn nicht, dass ihre Opfer, oder “Objekte”, Spaghetti Bolognese mögen und Essiggürkchen verabscheuen? Welche Filme sie sich gerne anschauen und was für Musik sie gerne hören? Was ihre Träume sind und woran sie bereits gescheitert sind? Wissen diese Männer nicht, dass ihre Opfer genau so Mensch sind, wie sie?

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