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Nach dem SlutWalk ist vor dem SlutWalk und deswegen haben wir uns einige Gedanken zum Thema gemacht; Nach all den Diskussionen und (vermeintlichen) Kontroversen, haben auch wir das Bedürfnis ein paar Dinge anzusprechen.
Eine Frage, die immer wieder gestellt wurde/wird ist, worum es bei den SlutWalks eigentlich geht? Soll “Schlampe” jetzt was Positives werden?! HELL NO!
Eigentlich geht es (zumindest uns geht es so) weder um eine positive Umdeutung des Begriffs “Schlampe”, noch darum eine “Schlampenkultur” ins Leben zu rufen. Schlampe oder Slut ist eines der vielen Worte, mit denen sich Frauen und Mädchen seit frühester Kindheit auseinander setzen müssen. Die Reihe an Beschimpfungen, Fremdzuschreibungen, sexistischen Beleidigungen ist endlos. “Schlampe” ist ja fast schon harmlos im Gegensatz zu dem, was wir uns alltäglich so anhören müssen. Eigentlich geht es bei den SlutWalks darum, genau solche Beschimpfungen und alle damit verbundenen Fantasien zu enttarnen und ganz klar sagen zu können: NEIN! Wir hören uns Eure Scheiße nicht mehr an!
Warum muss ich mich, egal wann, egal wo, von wem auch immer, ständig der Möglichkeit ausgesetzt sehen, sexistisch beleidigt zu werden? Egal was ich anhabe, es ist (fast) immer falsch! Egal was ich sage, es ist (fast) immer unpassend! Immer wieder sind sie da: Schlampe, dumme Kuh, Fotze, Zicke, Bitch…
SlutWalk ist hier, um zu sagen: No Thanks! und bedeutet erstmal nichts anderes, als dass Frauen* und Mädchen* aktiv und sichtbar für unsere Rechte eintreten. Es geht um Definitions- und Repräsentationsmacht – wer darf wann, wo, für wen und wie sprechen, denken, fordern? Es geht um Widerstand! Widerstand gegen Menschen, die weibliche Körper als Projektionsflächen eigener (Ge)Lüste und perverser Gedanken benutzen und die Verantwortung immer bei den anderen suchen. Wie Lola Young schon passend analysierte: “Men tend to project their sexuality onto the idea of women, that is, that men tend to experience their sexuality as something external to themselves.“[1].
Victim Blaming – Slut Shaming: Am Ende war immer das Opfer Schuld! Verleugnung par excellence!
Ähnlich wie bei der ewiglichen Political Correctness-Anrufung „Ach, man darf ja gar nichts mehr sagen heutzutage…“, werden Aggressionen eigentlich immer bei der sich zur Wehr setzenden Person vermutet. Eine zur Genusguppe Frau gehörende Person darf bestimmte Wahrheiten nicht oder nur mit großer Vorsicht und ständigen Relativierungen aussprechen. So muss zum Beispiel immer gleich *richtig* gestellt werden, dass nicht alle Männer Vergewaltiger sind (wissen wir doch!) und es “unfair”, “verallgemeinernd” und vor allem “unsachlich” wäre, das Patriarchat und alle daran Beteiligten, darin Verstrickten und vor allem davon Profitierenden in den Fokus des Problems zu nehmen. Nein, besser, weil bequemer, ist es, einige wenige („der Perverse“, „der Vergewaltiger“, „der Kinderschänder“) zu den ultimativen und medial vorgeführten Tätern zu machen.
Wie verbreitet und mitunter subtil permanente sexistische, sexualisierte und anders verletzende Gewalt ausgeübt wird, verschweigen „wir“ lieber. Street Harassment ist lediglich ein Phänomen des alltäglichen Sexismus. Frauenkörper sind Objekte dieser Praxis. Sie sind Projektionsflächen, immer und überall.
Was passiert also, wenn sich diese Frauen zusammenschließen und eine Protestwelle gegen die Rape Culture, also Vergewaltigungskultur, auf die Strasse bringen?
Richtig, es wird viel darüber geredet, Kontroversen gesucht und auch gefunden. Schnell, zu schnell, spalten sich die Positionen wieder. Anstelle eines vereinten Kampfes gegen sexistische Kackscheiße wird hochtrabend diskutiert, ob “Schlampe” jetzt eigentlich angemessen sei, kurze Röcke überhaupt feministisch sein können, was Alice Schwarzer so denken könnte…
Nein, auch wir stimmen nicht allem zu, was gesagt oder getan wurde im Rahmen der SlutWalks. Aber darum geht es doch auch gar nicht. Es geht darum, dass endlich wieder etwas passiert und das endlich zum Thema gemacht wird, was für einen großen Teil der Gesellschaft ständig Thema ist: das Frau* sich im Dunkeln nicht allein durch den Park traut oder in jeder Person, die ihren Weg nach Hause kreuzt, eine mögliche Bedrohung vermutet, dass sie aufatmet, wenn die Haustür hinter ihr ins Schloss fällt – wir reden alle darüber, immer wieder wird Frau* darauf aufmerksam gemacht und zur Vorsicht ermahnt. Vor allem andere Frauen* sorgen sich immer. Aber die bloße Feststellung dieser Einschränkung bedeutet leider nicht automatisch, dass wir darüber reden, warum und wie wir eingeschränkt werden. Das wäre ja auch fast schon zu schön, war doch die letzte „Anti-sexistische“ Debatte, die um eine mögliche Frauenquote in Führungspositionen. Und wir erinnern uns sicherlich, wie leidig diese Debatte war und immer noch ist. Wir lernen also: das Sprechen über alltägliche Gewalt gegen Frauen* findet wenn überhaupt in sehr begrenzten Kontexten statt und hat eigentlich nie zur Folge, dass Sexismus ernst genommen und das „weiße-männliche-heterosexuelle-Patriarchat“ (bell hooks) in Frage zustellen.
Sexismus ist Realität! Und Sexismus kennt viele Gesichter; Aber wirklich darüber reden will niemand, bisher jedenfalls…
SlutWalks machen Lärm, endlich! Mit Sprüchen wie „Ich habe nichts zum anziehen, was mich vor Gewalt schützt!“ oder „Whatever I wear, where ever I go – Yes means Yes and No means No“ gehen Menschen (Frauen*, Männer*, Trans* und Kinder) auf die Strasse und sagen STOP! Das größte Widerstandsmoment des SlutWalks ist eben dieser LÄRM! Nein sagen, Bewusstsein schaffen und Holla Back! Auch in Berlin. Auch wir von HollaBack!BLN waren (fast) von Anfang an dabei, haben mitdiskutiert und mitgeplant. Logisch – trifft doch die Kritik der SlutWalks den Kern unserer Initiative! Auch wir waren mit den Tausenden von Menschen auf der Strasse und haben gegen Opfer-Blaming und Verantwortungsverschiebung demonstriert. Und wir waren überwältigt von der Kraft und dem Engagement der Menschen und vor allem der Organisator_innen des Slutwalks! Doch leider war nicht alles schön und leider muss auch das thematisiert werden. Schon während der Organisation zum Beispiel bewegte uns beständig die Frage, ob auch in dieser, oft als „dritte Frauenbewegung“ deklarierten Widerstandsform die Fehler vorhergehender Bewegungen wiederholt werden: Wer solidarisiert sich da eigentlich mit wem? Wer spricht für wen? Wer wird (wieder mal) nicht bedacht? Das alles sind wichtige Fragen und müssen in einem nächsten SlutWalk – sollte es einen geben – nicht nur bedacht, sondern auch repräsentiert werden. Und auch auf dem SlutWalk selbst waren wir manchmal erschrocken, manchmal verblüfft und hin und wieder gar schockiert. Die sich anfänglich eher angespannt anfühlende Stimmung hat sich glücklicherweise relativ schnell aufgelöst, trotzdem bewegte uns immer wieder die Frage, inwiefern theoretisches Denken hier eigentlich auch verinnerlicht wurde und gelebt wird. Angefangen bei vollkommen entnervten Reaktionen auf Kinder, die unverschämterweise von ihren Eltern mitgeschleppt wurden über kulturimperialistische Verkleidungen bis hin zu einem Mann auf dem Fahrrad, der fortwährend Demonstrierenden und Polizist_innen seinen nackten Arsch präsentierte. Seinen Schwanz hat er uns zum Glück erspart (oder zumindest mussten wir ihn nicht sehen), aber wo genau, fragen wir uns, verbirgt sich bei dieser Aktion das empowernde und unterstützende Potential für Opfer sexualisierter und sexistischer Gewalt? Männliche Genitalien und Hinterteile, noch dazu nackt, haben nichts Widerständiges, ganz im Gegenteil sind sie für viele Menschen eher bedrohend, was auch Geschichten auf unserer HollaBack! Website darstellen. Auch (vermeintlich) weiße Frauen in Schlüpfer und Burqa ließen uns verblüffen – was genau ist das? Was genau wollen diese Frauen sagen? Ist das Solidarisierung mit verschleierten Muslimas? Wohl kaum … Bei den derzeitigen Diskussionen darum, wo das Patriarchat besonders ausgeprägt sei und inwiefern Religion und Staatsform dabei eine Rolle spielen, wirken diese Burqas wie eine Adaption der vorherrschenden medialen Meinung. Nämlich, dass in Deutschland nur bestimmte Werte eine Chance auf Anerkennung haben und das diese Werte quasi per Geburt nicht von allen Menschen – egal wie sie sich kleiden oder zu welcher Religion sie sich bekennen – gelebt und gefordert werden (können). Männer, die sich (oder wen?) in weiblich konnotierter Kleidung performten, reproduzierten ebenfalls Aneignungen, die nicht stärkend, sondern in erster Linie stereotypisierend und parodisierend wirkten. Die Afroperücke auf einem weißen Kopf stellt dann nur noch die rassistische Krönung dar!
Dass Verkleidung an diesem Tag eine besondere Rolle spielte, zeigten auch die Pressereaktionen. Worum sollte es auf einer Demo die SlutWalk heißt auch sonst gehen, wenn nicht um nacktes Fleisch und Sex? Beherzt stürzte sich die dominant männliche Presse auf genau die Frauen, die davon besonders viel zeigten. Als hätten die in Jeans nichts zu sagen. Auffällig waren auch solche Menschen, die weder nach Presse noch nach Demonstrationsteilnehmer_innen aussahen – vornehmlich über 50jährige weiße Männer, ausgestattet mit einer Kamera, schlichen um die Frauen, die zur Demo demonstrativ wenig anzogen oder sonst wie auffällig gekleidet waren: Slutwalktourismus wollen wir das mal nennen. Darüber, welche Kleidung denn nun angebracht war und ob es nun ok war, gleich ganz nackt zu erscheinen, möchten wir eigentlich gar nicht diskutieren – jede Teilnehmer_in fand an diesem Tag die richtige Protestform. Das es aber nicht ok ist, wenn Menschen kommen, die sich nicht für die Sache, jedoch aber für nackte Titten interessieren, um sich das Video für den Abend aufzunehmen, bleibt ohne Zweifel! IGITT – können wir da nur sagen. Wann fängt sexuelle Gewalt an? Beim Anfassen? Oder nicht doch schon beim voyeuristischen Blick? Und vor allem, wie sollte mit solchen Menschen umgegangen werden? Wurde umgegangen?
Schauen wir uns die Berichterstattungen zur Demo an, dann fallen zwei Dinge sofort ins Auge: das ist zum einen der inflationäre Gebrauch des gar nicht harmlosen Wörtchens „Schlampe“ – nein, auch wenn die Menschen dort auf der Strasse sich selbst so benannten: es ist trotzdem nicht „salonfähig“! Glauben wir der Presse, dann waren auf der Demo nur Nackte bis leicht bekleidete Menschen unterwegs. Seien wir mal ehrlich: der größte Teil der Anwesenden war doch eher bedeckt an den üblicherweise sexuell konnotierten Körperteilen. Der SlutWalk war keine Love Parade für Nackte und wir wollen noch immer nicht als Schlampe bezeichnet werden, auch nicht, weil’s doch so lustig in das Konzept passt. Was wir wollten war eine öffentliche Debatte, die es vermag, den wirklichen Inhalt der weltweiten Bewegung zu erfassen: den Kampf gegen Verherrlichung von Grenzüberschreitungen, sexualisierter Belästigung, gegen Vergewaltigungsmythen, die viel zu oft die geschädigte Person belasten und gegen die Tabuisierung und Legitimierung von verletzender Gewalt. Angekommen ist das leider bei nur wenigen der Mainstreambedienenden Medien, aber: was lustig aussah, war mehr als ernst gemeint. Anstatt unserem Kampf gegen die Objektifizierung vornehmlich weiblich konnotierter Körper zuzuhören, wurden wir doch nur wieder zu Projektionsflächen sexistischer und anders diskriminierender Stereotypisierungen.
So weit von uns…genug geschimpft … Wirwidmen uns jetzt wieder dem Kampf gegen die alltägliche Belästigung. Als kleine Anregung noch ein wunderbares Zitat von Florynce R. Kennedy, das es sich zu Gemüte führen lohnt:
“Divide and conquer—that’s what they try to do to any group trying to make social change. I call it D&C. Black people are supposed to turn against Puerto Ricans. Women are supposed to turn against their mothers and mothers-in-law. We’re all supposed to compete with each other for the favors of the ruling class.”[2]
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