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Biel, Schweiz

Ich bin mir meiner Identität als Frau meistens nicht bewusst, weil ich mich sowieso dem ganzen Zirkus in Discos und Bars zu entziehen versuche und mich nicht primär über mein Geschlecht identifiziere. Aber heute habe ich, wieder einmal, gemerkt, wie es ist eine Frau zu sein und damit von Männern zu einem Objekt degradiert zu werden. Ich war auf dem Nachhauseweg, nachdem ich eine Freundin, die bei mir war, noch ein Stück begleitet hatte. Dann, in der Seitenstrasse, die zum Mehrfamilienhaus indem ich wohne, führt, fuhr plötzlich ein Auto neben mir und wurde immer langsamer. Ich hatte gleich ein mulmiges Gefühl, dass aber eher in die Richtung „nein, irgendein Idiot, der dich blöd anmachen will“ ging. Er liess die Fensterscheibe runter und ich schüttelte gleich den Kopf und sagte NEIN. Dann rief er, er wolle mich nur etwas fragen und ich sagte „ja was denn?!“ darauf fragte er nach dem Weg zum Bahnhof der nächsten Stadt (ich wohne in einem Vorort) und ich beschrieb ihn ihm. Ich denke ich dachte mir nichts dabei, denn zu dieser Zeit waren nicht viele Leute unterwegs und es war ein Montagabend, also erschien mir die Tatsache, dass er mir folgte, um mich nach dem Weg zu fragen, nicht so absurd. Dann fuhr er weg, nach vorne, kehrte um und rief mich noch einmal und fragte dieses Mal nach der nächstgelegenen Tankstelle. Ich beschrieb erneut und sah erst, dass er keine Hose anhatte, als ich merkte, dass seine Hand an seinem Penis war. Ich bin nicht erschreckt, es war eher ein Moment des Seufzens und ich dachte „oh man, das ist ein Exhibitionist, warum muss der gerade mich verarschen?“. Dann hatte ich das Bedürfnis, ihn zu beleidigen, dachte irgendwie das sei das, was man eben in solchen Situationen tut also raunte ich etwas von „du Arsch“ aber er fuhr schon mit voller Geschwindigkeit davon, wohl beflügelt vom Adrenalin, das eine naive Frau seine Geschlechtsteile gesehen hat. Lustigerweise war er selbst Schweizer, keine Spur von Migrationshintergrund, den man in der Presse ja so oft bei Gewaltdelikten und Belästigungen erwähnt, vielleicht höchstens 2-3 Jahre älter als ich und durchaus durchschnittlich. Er hatte keinen Mantel an, war nicht alt und ungepflegt und auch nicht dick und pickelig. Er hatte dunkelblonde Haare und ein Max-Mustermann-Gesicht, schmale Statur und sass wohl entweder im grauen PKW seiner Eltern, denen er gesagt hatte, er ginge nur kurz zu einem Kumpel, oder in einem Occasion-wagen, den er sich von seinem ersten richtigen Lohn gekauft hatte. Es erstaunte mich einfach, wie durchschnittlich er war, bestimmt hätte er ein paar betrunkene Teenies an einem Samstagabend abschleppen können, doch nein, offenbar konnte auch so ein durchschnittlicher Mensch, den ich auch gut als Bankangestellten hätte einschätzen können, eine sexuelle Störung mit zwanghaftem Entblössen haben. Jemand, der dann am nächsten Tag zur Arbeit geht, seine Arbeitskollegin um Hilfe bittet um irgendein Formular auszufüllen, seiner Mutter zum Geburtstag Blumen schenkt und mit anderen Menschen Small Talk mit Kunden führt. Oder weiss jemand von seinen Fahrten? Hat er im Freundeskreis, so unter Männern, nach ein zwei Bier, davon erzählt und wurde durch das Gelächter und vielleicht ein paar ermutigende Kommentare weiter angespornt? Oder wäre es ihm peinlich, wenn dem so wäre?
Wenn man im Internet nach Infos über Opfer von Exhibitionismus sucht, werden nur Schlagzeilen der BILD-Zeitung (Exhibierten-Schwein von X gefasst) oder Pornoseiten angezeigt. Eine Anlaufstelle gibt es nicht. Ich muss sagen, ich weiss auch nicht, ob ich wirklich Anzeige erstatten werde, schliesslich kann das sehr aufwändig und nervtötend sein und ich bin mitten in Uniprüfungen und Arbeitsstress, aber ich habe dann einen Artikel einer jungen Journalistin gelesen, die über die hohe Dunkelziffer sprach und dass es für junge Täter gute Therapiemöglichkeiten ihrer krankhaften Veranlagung gäbe. Deshalb habe ich mich entschlossen, doch zur Polizei zu gehen. Damit ich den Vorfall nicht akzeptiere und nicht darüber schweige, wie so viele offenbar und schliesslich wäre eine Verhaftung auch zum Wohl des hosenlosen Jungen im Auto, der vielleicht besseres mit seinem Leben anfangen möchte, als Frauen zu zeigen, wie er sich einen runterholt.
Klar, ich werde, wenn ich wieder einmal nach Einbruch der Dunkelheit alleine unterwegs bin daran denken und wohl wieder ein komisches Gefühl dabei haben, besonders weil sich alles quasi „vor meiner Haustür“ in einem ruhigen Vorort einer Schweizer Kleinstadt, dazu noch an einem Montagabend, abgespielt hat. Sonst glaube ich nicht, dass ich deswegen grössere Angstattacken haben werde, obwohl ich jedes Opfer, welches solche Reaktionen erlebt, bestens verstehen kann. Für mich schlimm ist das Gefühl, als Frau, beliebige Frau, gegen meinen Willen als Objekt einer sexuellen Perversion verwendet worden zu sein, alles nur aufgrund dessen, das ich mit zwei Brüsten und den nötigen Organen zur Fortpflanzung geboren bin und dem Zufall, dass ich zu dieser Zeit am selben Ort wie dieser 23-jähriger, dunkelblonder, schlanker potentieller Bankangestellter. Ich wurde nicht als Mensch, sonder „nur“ als Frau gesehen und als Objekt im Ausleben einer lächerlichen Fantasie benutzt. Dabei bin ich weder reduzierbar auf mein Geschlecht noch möchte ich ein Objekt sein. Wissen diese Männer denn nicht, dass ihre Opfer, oder „Objekte“, Spaghetti Bolognese mögen und Essiggürkchen verabscheuen? Welche Filme sie sich gerne anschauen und was für Musik sie gerne hören? Was ihre Träume sind und woran sie bereits gescheitert sind? Wissen diese Männer nicht, dass ihre Opfer genau so Mensch sind, wie sie?

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Düsseldorf

Es ist lange her. Mitte der 80er. Im Sommer auf dem Weg zu meinem Lieblings Terassencafé.
Düsseldorf, Immermannstraße, Mittagspause vom Job. Auf dem Bürgersteig vor und hinter mir ein paar Menschen, ich gehe zügig aber entspannt. Ein Mann mittleren Alters, kommt mir entgegen.
Ich nehme ihn wahr, beachte ihn aber nicht weiter. Als er auf meiner Höhe ist, kommt er einen Schritt
seitlich auf mich zu und grabscht mir kommentarlos an den Busen. Geht dann einfach weiter als sei nichts geschehen. Ich war völlig überrascht, konnte nichts sagen oder gar schreien. Mein Gang hatte sich auch nur unmerklich verlangsamt. Ich wollte mir auch nicht den Tag damit versauen, lange darüber nachzudenken. Aber wie man liest: Vergessen hab ich das auch nicht. So etwas ist mir nie zuvor und danach nie wieder passiert. Es hat meine Achtsamkeit geschärft.

Eine andere Situation. Ich arbeitete für mehrere Männer als Abteilungs-Sekretärin. Einer von Ihnen, war von Anfang an etwas schlecht im Erkennen von angemessenen Abständen und Respekt, auch und besonders in der Wortwahl. Mein Maß war voll, als er sich hinter meinen Schreibtischstuhl stellte und anlehnte… und sein Hände auf meine Schultern legen wollte… Ich gab meinem Stuhl beim Aufstehen genug Schwung um ihm die Rückenlehne sagen wir vor den Bauch zu knallen. Ohne Kommentar verließ ich mein Arbeitszimmer. Nie wieder hatte ich zu einer solchen Maßnahme Anlass 😉
Das schreibe ich dazu, weil es wichtig ist auch im näheren Umfeld, sprich Arbeitskollegen, Mitarbeiter, Dienstleister etc. schon frühzeitig klare Grenzen zu zeigen. Wenn ihre Mütter und Väter ihnen nichts über Respekt beigebracht haben, müssen wir das eben nachholen. Vielleicht schützen wir damit die Frau im Bus oder sonst wo im öffentlichen Raum.

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Hinweis, HollaBack!Berlin

#OurStreets: Hollaback!’s offener Brief als Reaktion auf die Übergriffe an Silvester in Köln

The original version was published in English on ihollaback.org

Hollaback! (engl.: “Brüll zurück”) ist eine internationale Bewegung von lokalen Aktivist*innen, die Belästigungen im öffentlichen Raum beenden will. Wir arbeiten zusammen, um die Hintergründe von Belästigungen besser zu verstehen, Bewusstsein zu schaffen und gemeinschaftlich Lösungen zu bieten. Wir stehen gemeinsam als eine globale Gemeinschaft, um öffentlich die diskriminierende und beleidigende mediale Berichterstattung um die Angriffe in Köln zu kritisieren.

 

Im Angesicht von gesteigertem, öffentlichem Bewusstsein und medialer Aufmerksamkeit in Europa als Folge der Angriffe in hauptsächlich Köln, aber auch anderen deutschen Städten, ist es wichtig diesen Moment zu nutzen und die schädigenden Mythen um Belästigungen im öffentlichen Raum aufzulösen und für das Recht auf sichere und gleichberechtigte öffentliche Räume für alle einzustehen.

 

Belästigungen im öffentlichen Raum – cat calling (engl.: Pfeifen, Schmährufe), diskriminierende Sprache / Hassrede, Grapschen, öffentliches Masturbieren und Stalking – sind eine alltägliche Tatsache für viele Frauen, LSBTTIQ Menschen und people of colour. Nach einer Studie der Cornell University können sie Depressionen, Wut und Angst auslösen. Belästigungen im öffentlichen Raum beschränken unseren Zugang zu freien und gleichberechtigten öffentlichen Räumen und stärken bestehende Machtungleichgewichte.

 

Wir unterstützen die Menschen, die Ziel dieser Gewalt und Belästigungen geworden sind, sowohl in den jüngsten Angriffen als auch zuvor. Wir hören euch und wir glauben euch.

 

Wir sind dagegen enttäuscht und befremdet davon, wie viele Medien die sexualisierte Gewalt zu Silvester in Köln als neues Phänomen, importiert durch „Ausländer und Migranten“, darstellen. Dabei ist es Realität, dass Belästigungen im öffentlichen Raum ein andauerndes und tiefgreifendes Problem sind. Ein Problem, das Frauen, LSBTTIQ Menschen und people of colour, in der ganzen Welt betrifft. Belästigungen im öffentlichen Raum sind kein neues Problem. Darüber zu berichten, als hätte es vor diesen viel berichteten Vorfällen nicht existiert oder als wäre es nur etwas, was Migranten tun, ist äußerst problematisch. Es ist falsch. Hollaback! hat Daten zu Belästigungen weltweit seit über 10 Jahren gesammelt.

 

Bisher haben uns über 9000 Geschichten aus der ganzen Welt über Belästigungen im öffentlichen Raum erreicht. Diese werden der Öffentlichkeit über unsere Website und App zugänglich gemacht, sowie durch Publikationen wie Harassment Is: An exploration of identity and street harassment. Die Zahlen zeigen, dass Belästigungen am häufigsten in stark frequentierten Räumen stattfinden, darunter die U-Bahn und öffentliche Verkehrsmittel allgemein.
Belästigung ist nicht auf eine soziale Gruppe beschränkt. Aus den Erzählungen von Belästigungen, die uns täglich erreichen, und aus aktueller Forschung wird deutlich: Menschen, die andere belästigen, haben alle möglichen ethnischen und sozioökonomischen Hintergründe. Vielmehr wird Belästigung durch eine ungleiche Gesellschaft möglich gemacht, die die Freiheit einiger Personen zu Mobilität und Sicherheit beschränkt und damit zu ungleichem Zugang zu öffentlichen Räumen führt.

 

Wir weigern uns, es zuzulassen, dass vermehrtes Bewusstsein für Belästigung im öffentlichen Raum für rassistische und xenophobe Politik instrumentalisiert wird. Was bei der Auseinandersetzung mit dem Thema immer wieder betont werden muss, ist der Mangel an Freiheit für Frauen, LSBTTIQ Personen und people of colour im öffentlichen Raum.

 

Erst letztes Jahr hat Hollaback! zusammen mit der Cornell Universität die bisher größte weltweite Umfrage zu Belästigungen im öffentlichen Raum durchgeführt. Wir stellten fest, dass über 84 % der teilnehmenden Frauen weltweit vor ihrem 18. Lebensjahr in der Öffentlichkeit belästigt wurden und dass über die Hälfte der Teilnehmenden berichtete, im letzten Jahr gegen ihren Willen begrabscht worden zu sein.
Laut einer Umfrage Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, an der 42.000 Frauen in der EU teilnahmen, haben über 55 % von ihnen sexuelle Belästigung erfahren, bevor sie 15 waren. In Deutschland, wo der Vorfall stattfand:

  • berichten 85 % der Frauen, Belästigung im öffentlichen Raum erfahren zu haben, bevor sie 17 waren;
  • wurden 66 % der Frauen im letzten Jahr unangemessen und gegen ihren Willen berührt;
  • fanden sich 70 % der Frauen im letzten Jahr in einer Situation, in der ihnen ein Mann oder eine Gruppe von Männern auf eine Art und Weise folgte, die sie sich unsicher fühlen ließ;
  • haben 14 % der Frauen dieses beängstigende Verhalten mehr als 5 mal erlebt;
  • berichteten über die Hälfte der Teilnehmenden, dass Belästigungen im öffentlichen Raum (oder die Angst davor) dazu geführt haben, dass sie eine andere Route nahmen oder ein anderes Transportmittel benutzten, eine Veranstaltung zu einer anderen Zeit verließen, oder weniger unter Leute gingen und
  • einige Teilnehmende berichteten, dass sie wegen Belästigung ihren Job kündigten, nicht zur Arbeit gingen, oder sogar in eine andere Stadt gezogen sind.

 

Was wir insgesamt aus der bisherigen qualitativen und quantitativen Forschung erkennen können, ist, dass Belästigungen im öffentlichen Raum überproportional junge Frauen und Mädchen, people of colour, und die LSBTTIQ Gemeinschaft treffen. Belästigungen sind ein Ausdruck ineinandergreifender und sich überschneidender Unterdrückungsmechanismen. Sie können sexistisch, rassistisch, transphobisch, ableistisch, klassistisch, oder „sizeist“ (aufgrund von Körperformen) sein.
Die Erfahrungen einzelner Personen mit Belästigungen im öffentlichen Raum müssen eingebettet verstanden werden: in den historischen Kontext, die gesellschaftlichen Vorurteile und das Klima der Ungleichheit, die sie beeinflussen.

 

Hollaback! Berlin schreibt dazu:

 

Seit dem Neujahrsabend und der zu weiten Teilen undifferenzierten Medienberichterstattung dazu scheint es ein neues Interesse am Thema sexualisierte Gewalt zu geben. Bisher waren uns nicht viele Berichte und Diskussionen über sexualisierte Gewalt bekannt, das Problem selbst oder dessen Wurzeln werden jedoch weiterhin nicht diskutiert. Vielmehr werden rassistische und kulturalistische Mythen über die vermeintlichen Täter reproduziert. Die Übergriffe in Köln und anderen deutschen Städten werfen viele Fragen auf. Bis dato ist es immer noch mehr oder weniger unklar, was genau passiert ist, von wem dies ausging und wie solche Übergriffe in einem öffentlichen Raum überhaupt möglich waren. Wie kann in einer Situation mit, laut Berichten, mehr als 1000 anwesenden Menschen und offenbar mit ebenfalls großer Polizeipräsenz eine so große Anzahl von sexualisierten Übergriffen stattfinden ohne dass interveniert wird?

 

Eine Antwort darauf ist, dass die deutsche Gesellschaft keinerlei Strategien bereit hält, um gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen. Die Geschehnisse und die folgende Debatte haben offenbart, dass die deutsche Gesellschaft und das schließt alle Bürger*innen und Institutionen gleichermaßen ein, nicht weiß was sie gegen sexualisierte Gewalt tun kann oder will. Die Gesetze sind unzureichend und schützen Frauen* nicht vor Übergriffen, wie von mehreren Frauenrechtsorganisationen, wie dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, oftmals dargelegt wurde.

 

Die gleichen Politiker*innen, die jetzt Frauenrechte vorschieben um eine rassistische Agenda voran zu treiben, instrumentalisieren die Übergriffe um gezielt Stimmung gegen Geflüchtete zu machen.

 

Wir von Hollaback! arbeiten seit langer Zeit zum Thema sexualisierte Gewalt und jede einzelne Geschichte auf unseren Blogs belegt, dass Belästigungen im öffentlichen Raum eine alltägliche Angelegenheit sind – nicht nur in Deutschland. Deutschland hat ein offenkundiges Sexismusproblem und mit dem immer weiter wachsenden offen rassistischen Bewegungen in Deutschland, müssen Medien, Gesetzesgeber und die Politik nicht nur lernen sexualisierte Gewalt zu bekämpfen, sie müssen die Verbindungslinien (Intersections) von Sexismus und Rassismus verstehen lernen.

 

Vollkommen aus dem Fokus geraten in den offenkundig rassistischen und weiß-männlich dominierten Diskursen „nach“ Köln sind die Betroffenen sexualisierter Gewalt.

Nur wenige Dokumentationen und Stimmen von Betroffenen der Übergriffe in Köln und anderswo wurden veröffentlicht. Keinerlei Aufmerksamkeit wird gleichzeitig auch der Situation von geflüchteten Frauen gegeben. Der öffentliche Diskurs in Deutschland ist nicht daran interessiert sich mit sexualisierter Gewalt zu beschäftigen. Als Ort des Empowerments und Gemeinschaft lädt Hollaback! alle Menschen, die sexualisierte Gewalt erleben oder erlebt haben ein, ihre Kraft zu nutzen und ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

 

Was wir brauchen sind nicht neue Asylgesetze, wir brauchen sichere Orte für ALLE Frauen*. Wir brauchen einen offenen Diskurs, um Gewalt gegen Frauen* zu beenden, angemessene Gesetze und Unterstützung für Betroffene und Überlebende sexualisierter Gewalt.

 

Wenn wir beides besprechen, die Realität von Street Harassment und Community-basierte Lösungen des Problems, müssen wir feststellen, dass Street Harassment ein anhaltendes Problem ist und direkt auf persönliche Merkmale von Betroffenen abzielt und meist (aber nicht ausschließlich) in viel besuchten Orten stattfindet. Street Harassment wird von Menschen aller Hintergründe und „Kulturen“ ausgeübt. Es ist keineswegs ein „Stadt“ Problem oder ein „Köln“ Problem – es ist ein globales Problem und betrifft uns alle.

 

Wir rufen die Öffentlichkeit und die Medien dazu auf, ihre Narrative darüber, was Belästigungen im öffentlichen Raum sind, zu überdenken und die Mythen, die weitere Diskriminierungen und Ungleichheiten zur Folge haben, in Frage zu stellen. Wir rufen dazu auf bei unserem Aktionstag gegen Street Harassment am 4. Februar 2016 mit uns zu demonstrieren, Geschichten zu erzählen und Erfahrungen mit Belästigung zu teilen mit #ourstreets. Gemeinsam können wir die Narrative verändern und sicheren und gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Räumen für alle erreichen.

 

 

Unterschrieben von:

    • Hollaback! São Paulo
    • Hollaback! London
    • Hollaback! Amsterdam
    • Hollaback! Ottawa
    • Hollaback! Czech / (Ozvi se!)
    • Hollaback! Bahamas
    • Hollaback! Bosnia and Herzegovina 
    • Hollaback! Dresden und Umgebung
    • Hollaback! Berlin
    • Hollaback! Edinburgh
    • Hollaback! Poland
    • Hollaback! Croatia
    • Hollaback! Italy
    • Hollaback! Vegas
    • Hollaback! Vancouver
    • Hollaback! Baltimore

 

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„Sie lachen und unterhalten sich über mich.“

Ich stehe mit meinem Rad an einer roten Ampel, es ist Sommer, ich habe gute Laune und ein Kleid an. Neben mir steht ein Auto, der Beifahrer kurbelt das Fenster runter, im Auto sitzen ein paar junge Männer. Es sieht so aus, sals wollten sie was fragen. Sie fragen, ob mich das geil macht, wenn ich auf dem Sattel sitze. Sie lachen und unterhalten sich über mich. Die Ampel schaltet auf grün. Sie fahren los.

Meine gute Laune ist schlagartig vorbei. Während ich nach Hause radle, quält mich die ganze Zeit diese Satz im Kopf („Findest du es geil…“)

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„Findest du das jetzt toll, oder was?!“

Ich fahre nach Kreuzberg, setze mich gar nicht erst, weil ich nur wenige Stationen fahre. Ein älterer Typ stellt sich mir gegenüber. Er schaut mich an. Als ich zur Tür gehe, weil sich meine Stadtion nähert, macht er Kuss-Geräusche dicht neben meinen Kopf. Ich sage nur: „Findest du das jetzt toll, oder was?!“

In diesem Fall hatte ich Glück. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Er errötet und fällt in sich zusammen.

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TW Vergewaltigung

Seine Augen

Meine Eltern waren der Annahme, dass eine Teilnahme an ihren Saufgelagen verhindern würde, dass ich auf Parties trinke. Beim ersten Mal ging alles gut, wir tranken Wodka, ich erbrach in der gleichen Nacht noch alles. Ich war vierzehn. Danach durfte ich immer wieder mal mittrinken. Es war am Abend der Handball-WM, Deutschland spielte gegen Polen, als es zum ersten Mal geschah. Nachdem ich schlafen gegangen war, ist mein Vater zu mir in mein Zimmer gekommen. Er setzte sich zu mir ans Bett und streichelte mir übers Gesicht. Das fand ich schön. Danach knetete er meine Brust und fasste mir an die Scheide. Er leckte und fingerte mich. Ich war völlig betrunken und kann mich nur ausschnittsweise daran erinnern. Ich wusste in meinem Kopf, dass es falsch war. Aber ich konnte nichts sagen, ich war wie gelähmt im Halbschlaf und völlig betrunken. Meine Mutter schlief ja nebenan. Noch dazu schien es mir auch irgendwie zu gefallen. Wegen diesem Gefühl mache ich mir heute noch Vorwürfe.
Dieser Vorfall wiederholte sich drei oder vier Mal. Ich weiß es nicht mehr so genau, ich war zu der Zeit 14-16 Jahre alt. Das letzte Mal passierte es im September 2007. Später, an Weihnachten kam alles raus. Mit 16 hatte ich das erste Mal Sex mit meinem Freund, mit 17 eine Affäre mit meinem Lehrer. Meine Mutter bekam diese Affäre raus, sie wollte zur Direktorin gehen und mich von der Schule nehmen. Ich erpresste sie. Wenn ich nicht mehr zur Schule dürfte, würde ich meinen Vater anzeigen. Ich musste ihr alles erzählen. Dann kam mein Vater von der Arbeit nach Hause. Ich werde seinen Blick nie vergessen, als meine Mutter ihn zur Rede stellte. Er behauptete, dass er sich an nichts erinnern könne. Meine Mutter hat es meiner Oma und meinem Opa erzählt. Mein Opa hat meinem Vater daraufhin ins Gesicht geschlagen, meine Oma glaubt mir bis heute nicht immer. Mein Vater hat ein paar Wochen darauf vor mir gekniet und sich weinend entschuldigt. Ich habe mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass wir daran jetzt auch nichts mehr ändern könnten. Nach dem Missbrauch arbeitete neben der Schule sechs Tage die Woche. Ich war nur noch zum schlafen zu Hause. Ich habe fünfzig Kilo zugenommen und zum rauchen angefangen und mir die Arme geritzt. Ich wollte mich selbst töten. Der Missbrauch ist jetzt zehn Jahre her. Ich ritze mich nicht mehr. Mein Vater hat nie eine Therapie gemacht. Ich krieg langsam mein Leben auf die Reihe, ich bin kurz davor mein Studium abzuschließen. Ich habe geheiratet. Ich habe sehr gerne Sex. Ich hasse lecken. Immer noch. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen das „Schutzgewicht“ abzunehmen. Drückt mir die Daumen.

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„Ey, was soll denn das?“

Ich bin heute an der U-Bahnstation Wilmersdorfer Straße ausgestiegen. Als ich den Bahnsteig Richtung Ausgang entlanglief, kam mir ein Typ entgegen. Er sah schon auf Distanz irgendwie aggressiv, also habe ich ihn nicht direkt angesehen und wollte einfach an ihm vorbeigehen. Kurz vorher sprang er aber auf mich zu, rempelte mich an und schrie mir auf nächste Nähe ins Gesicht. Ich war ganz schön schockiert, aber meine erste Reaktion war, das nicht auf mir sitzen zu lassen. Ich habe mich umgedreht und „Ey, was soll denn das?“ gesagt. Daraufhin kam er wieder ganz nah an mich ran, nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, uns sagte irgendwas Unverständliches. Ich sagte noch einmal „Arschloch,“ habe ihm den Finger gezeigt, und bin dann schnell weitergegangen. Zum Glück kam in dem Moment auch ein junger Mann (Deutsch-Araber), der den Typ vertreiben hat. Danach habe ich ganz schön gezittert und mir kamen fast die Tränen. Danach war ich einfach nur noch sauer und wünschte, ich hätte ihm in die Eier getreten oder ihn angezeigt.

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Ich wurde am hellichten Tage beschimpft, aufs Übelste bedroht, schließlich wurde mir sogar ein Bein gestellt und ich wurde bespuckt.

Dieser Vorfall ist schon ein paar Jahre her, dennoch würde ich ihn gerne teilen. Zu dem Zeitpunkt war ich 15 oder 16, heute bin ich 22.

Es war nachmittags, ich kam aus der Schule und war auf dem Heimweg. Die U3 Richtung Nollendorfplatz, mit der ich fuhr, war nicht proppenvoll, aber gut gefüllt. Vor mir saß ein sehr großer, muskulöser Kerl, wahrscheinlich in seinen Zwanzigern. Zunächst versuchte er mich mit Kommentaren über mein Aussehen anzugraben. Ich war deutlich jünger als er und empfand ihn schon zu dem Zeitpunkt als unangenehm und aufdringlich. Damals reagierte ich darauf, indem ich ihn ignorierte. Das machte ihn nach einer Weile ziemlich aggressiv. Er begann mich lautstark zu beschimpfen („Schlampe“ etc) und zu beleidigen (sich auf mein Aussehen beziehend). Leichtsinnigerweise entgegnete ich ihm nach einer Weile, er solle die Klappe halten. Dann ging es erst so richtig los. Vor aller Augen und Ohren fing er an mich zu bedrohen, er werde mir „die Fresse einschlagen“. Das wiederholte er einige Male. Die einzige Reaktion kam von einem Pärchen am anderen Ende des Waggons, die auf einen leeren Platz neben ihnen zeigten. Ich war den Tränen nahe, stand aber nicht auf, um mich wegzusetzen. Es war nur noch eine weitere Station und so beschloss ich, die Situation auszuhalten und erhobenen Hauptes die Bahn zu verlassen. Als ich aufstand, stellte er mir ein Bein. Nicht einmal zu diesem Zeitpunkt schienen die restlichen Fahrgäste zu reagieren. Er stieg dann ebenfalls aus und auf dem Bahnsteig BESPUCKTE er mich (Kleidung und Haare), bevor er dann schließlich verschwand.

Immerhin kam das bereits erwähnte Pärchen noch einmal zu mir herüber, um mich zu fragen, ob ich den Typen kannte. Auch wenn das jetzt schon einige Jahre her ist, was mich am nachdrücklichsten erschütterte und das bis heute so sehr, dass ich es hier aufschreibe, ist, dass dies am hellichten Tage in einer gut gefüllten U-Bahn passierte. Ich wurde am hellichten Tage beschimpft, aufs Übelste bedroht, schließlich wurde mir sogar ein Bein gestellt und ich wurde bespuckt. Zahlreiche Menschen wurden Zeuge dessen und der Großteil von ihnen gab sich einfach vollkommen unbeteiligt! Ich kann zwar verstehen, dass der Typ auch für die anderen furchteinflössend war und sie Angst hatten, er würde ihnen (so wie mir angedroht) die „Fresse einschlagen“. Dennoch denke ich, dass es für die anderen Passagiere durchaus einen Handlungsspielraum gegeben hat.

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